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Zwischen Party und Protest – 40 Jahre GRIPS Theater am Hansaplatz

Von Michael Fender.

Den heutigen Weltkindertag am 20. September nahm das Berliner GRIPS Theater zum Anlass, sein diesjähriges 40-jähriges Bestehen am Standort Hansaplatz mit einem Fest und einem großen Rahmenprogramm zu feiern. Durch Theaterstücke wie “Linie 1″ deutschlandweit bekannt, ist das GRIPS Theater längst zu einer festen Größe geworden und arbeitet mehrgenerationenübergreifend.

Ca. 1000 Gäste, darunter Hunderte Kinder, besuchten die Feierlichkeiten am Berliner Hansaplatz, dem ersten festen Ort, an dem das GRIPS Theater seit 1974 ansässig ist. Es kamen Menschen jeglichen Alters, vom jungen Paar mit Kleinstkind bis hin zu einem Ehepaar mit 78 bzw. 88 Jahren, welches für das Fest sogar extra aus Mannheim mit dem Zug anreiste.

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Am Weltkindertag wurden die Kinder zu gesellschaftlichen Fragen interviewt (hier das rbb-Fernsehen)

Mit dem Stück “Ein Fest bei Nourian”, einem Gastspiel des Poreía-Theaters aus Athen, wurde am heutigen Weltkindertag dann logischerweise auch dasselbe, immer noch hochaktuelle Stück aufgeführt, welches am 30. September 1974 als erste Vorstellung im eigenen Haus am Hansaplatz spielte.

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“Campingplatzidylle” und Theaterstück mit gesellschaftspolitischem Hintergrund: “Ein Fest bei Nourian”

 

Für eine große Eröffnungsfeier fehlte nach den notwendigen Umbauten des ehemaligen Kinos am Hansaplatz damals das Geld, meint GRIPS-Theaterchef Volker Ludwig (Interview mit Volker Ludwig im Anschluss an diesen Artikel).

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GRIPS Theaterchef Volker Ludwig (4. v.r.) inmitten des Ensembles.

Weil die UN-Kinderrechte noch immer nicht ins Grundgesetz aufgenommen wurden, rief das GRIPS Theater anlässlich des heutigen Weltkindertages gemeinsam mit seinen politischen Partnern zu einer Fahrraddemo für die Umsetzung der UN-Kinderrechte auf, der ca. 80 Teilnehmer gefolgt sind.

Los ging die Demo am Mehringplatz, es gab zunächst einen Stopp bei der Parteizentrale der SPD mit Termin bei Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), später gab es einen weiteren Stopp bei der Parteizentrale der CDU. Ziel der Fahrraddemo war die Abschlusskundgebung am Hansaplatz.

Hinsichtlich der Umsetzung der für jeden Teilnehmerstaat der Vereinten Nationen festgeschriebenen Kinderrechte und dem Schutz der Familie und seiner Mitglieder gibt es auch in Deutschland noch eine Menge zu tun. Deutschland hat sogar erst im Jahre 2009 bestimmte politisch bedingte Vorbehalte gegen die seit 1989 vereinbarten und verpflichtenden [!] UN-Kinderrechtskonvention aufgegeben.


 

Interview mit Volker Ludwig, dem Gründer des GRIPS Theaters und dessen Chef seit 1969:

GRIPS: Das GRIPS Theater gibt es offiziell seit 1969, wie kam es fünf Jahre später zu eurem Wunsch, eine eigene, feste Spielstätte zu wollen?

Volker Ludwig: Wir hatten ja ein festes Haus im Reichskabarett. Nur, als wir zum ersten Mal Geld vom Senat bekommen haben, geschah das unter der Auflage, dass wir uns total vom politischen Kabarett trennten. Das haben wir dann auch gemacht, indem wir mit Hilfe des Senats ins “Forum Theater” am Ku’damm im ersten Stock zogen. Das war ein sehr schönes Plüschtheater, das so umgebaut wurde, dass es total mobil war. Das Forum Theater war so eine Art Avantgarde-Theater, da gab es die “Publikumsbeschimpfung” -Artaud und Arrabal-, die jedoch immer erfolgloser wurden. Was zur Folge hatte, dass sie in immer kürzeren Abständen neue Produktion auf die Bühne brachten, so dass wir -als Untermieter- immer weniger spielen konnten, dafür umso öfter auf- und abbauen mussten. Es wurde ein unerträglicher Zustand. Da habe ich irgendwann gesagt: “Entweder kriegen wir ein eigenes Haus! Oder wir hören auf”. Und dann wurde uns das Haus am Hansaplatz vermittelt.

GRIPS: Von wem?

Volker Ludwig: Die Schaubühne hat uns geholfen, und die SPD Tiergarten. Die wussten von dem Haus und unseren Problemen. Eigentlich hatte ALDI dafür schon einen Vertrag. Vorher war hier das “Bellevue”, ein schönes Programmkino mit Jazz- und Lyriknächten. Das waren die Leute, die später das Kino “Die Kurbel” betrieben haben. Die SPD Tiergarten hat dafür gesorgt, dass ALDI mit einem anderen Grundstück im Wedding tauschte und dann habe ich den ALDI-Pachtvertrag übernommen. Das war ein 10-Jahres-Mietvertrag und ich musste dafür mit meinen ersten Autorentantiemen bis 70 Jahre nach meinem Tod bürgen. Aber das galt nur für die ersten 10 Jahre (lacht).

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Macht seit 40 Jahren Theater mit GRIPS : Volker Ludwig (2.v.r)

GRIPS: Was hat dich für den Standort eingenommen?

Volker Ludwig: Der Ku’damm war extrem schwierig für Schulklassen, schon mit dem Verkehr und allem. Hier war es ideal: Direkt vor der Haustür liegt die U-Bahn, man muss dank der Überdachung nicht mal in den Regen. Ich fand es auch ideal, an der Grenze zu Moabit zu sein. Das war bevölkerungspolitisch ein idealer Raum zwischen Hansaviertel einerseits und einem richtigen ehemaligen Arbeiterbezirk andererseits, eine schöne Mischung. Wir haben uns gleich sehr wohlgefühlt.

GRIPS: Wie muss man sich den Hansaplatz von 1974 denn vorstellen?

Volker Ludwig: Naja, der hatte immer noch den Ruf der Internationalen Bauausstellung von 1957. Damals war der Hansaplatz noch ziemlich gepflegt. Bis Anfang der 90er Jahre gab es da noch so Läden wie “Butter-Lindner” und einen Buchladen, Bubi Scholz hatte hier seine Parfümerie.

GRIPS: Und wie sah es hier im Gebäude aus? Das war ja ein Kino.

Volker Ludwig: Ein Kino endet ja mit der Leinwand, danach kommt nichts mehr. Also musste das Haus total umgebaut werden. Das ist das Problem, das uns bis heute verfolgt: Es war ein Haus ohne Nebenräume. Auch das Foyer ist viel zu klein, denn beim Kino rennt man nur rein und raus und hält sich nicht auf. Wir mussten eine Zwischenwand einziehen und den Boden ebnen, es war ja eine Schräge eingebaut. Das war ziemlich aufwändig und es gab wenig Geld. Die ganze Bestuhlung hat die damals noch “Zuchthaus” genannte JVA Tegel hergestellt und das war nicht so sehr perfekt, hielt aber die ersten Jahre. Aber wir mochten diesen Raum natürlich auch, weil er groß genug war, so dass wir uns trauen konnten, Jugendstücke zu machen. Die waren für uns von vornherein verbunden mit einer Rock-Band. Die Rock-Band musste im Zweifel lauter sein als die Jugendlichen, vor denen wir damals vor der ersten Premiere ziemlichen Bammel hatten. Aber es hat hervorragend funktioniert: 1974 zogen wir ein und 1975 kam mit “Das hältste ja im Kopf nicht aus” das erste Jugendstück raus, was dann drei Jahre ausverkauft war.

GRIPS: Wie viele wart ihr damals, als ihr hier eingezogen seid?

Volker Ludwig: Es gab nur sechs feste Schauspieler und zwei Techniker, die wir dann auf vier aufstockten. Es waren also sehr wenige Leute, alles in allem unter zwanzig. Heute arbeiten hier über 60 Mitarbeiter!

GRIPS: Habt ihr jeden Tag gespielt?

Volker Ludwig: Wir haben täglich gespielt und am Wochenende doppelt. Es wurde nachmittags das Kinderstück und abends das Jugendstück gezeigt. Also in zwei Tagen vier Stücke mit Umbau zwischen Nachmittag und Abend. Die Bühnenbilder waren alle sehr einfach. Das hat natürlich Spaß gemacht!

GRIPS: Wie habt ihr das Haus eröffnet, hattet ihr ein großes Eröffnungsfest?

Volker Ludwig: Damals konnten wir uns ein Fest nicht mehr leisten, weil alles Geld in die Umbauten gegangen war. Lotto und Senat haben damals unter Ausschöpfung aller Ermessensfreiräume und mit phantasievollen Nothilfen den Umbau finanziert, aber mehr war nicht drin. Wir haben das Haus eröffnet, indem wir einfach mit dem bestehenden Spielplan -das war damals eben “Ein Fest bei Papadakis”- weiter machten. Die erste große Premiere war schon eine Woche später: “Nashörner schießen nicht”, unser erstes Jugendstück für etwas Ältere. Da haben wir diesen großen Raum erst richtig kennengelernt. Ursprünglich hatten wir auf vier Seiten Zuschauer sitzen. Wir wollten den Raum eigentlich noch mobiler haben, merkten aber dann, dass das zu aufwändig wurde. So kam es zur jetzigen Arena-Bühne.

Das Interview führte Anja Kraus (Mitarbeiterin für Pressearbeit im GRIPS).

 

 

 

 

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